criminalis                                     Dr. Dorothea Puschmann
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Kurzkrimi

Das organisierte Verbrechen

Sie kamen keineswegs über Nacht, heimlich und verschlagen in der Dunkelheit. Nein, sie fielen am helllichten Tag ein. Eine ganz neue Variante, mit der niemand gerechnet hatte. Von allen Seiten drangen sie ein, nahezu zeitgleich, systematisch und wie abgesprochen; die Spuren waren eindeutig. Sie hausten wie die Vandalen, wie welche, die absolut nichts zu verlieren hatten, schreckten vor nichts zurück. Und als sie sich wieder zurückzogen, war es lediglich für eine kurze Verschnaufpause, um Luft zu holen für den finalen Vernichtungsschlag. Sie leisteten ganze Arbeit. Wir kamen, als sie gerade fertig geworden sein mussten, erblickten die Verwüstung und glaubten nicht, was wir sahen. Wollten es nicht glauben. Rieben uns die Augen wieder und wieder. Dachten, es sei die Müdigkeit von der gerade überstandenen, anstrengenden Tagesreise. »Fast alles zerstört«, stellte ich mit rauer Stimme fest. Das Entsetzen, das ich empfand, war so riesengroß, dass es einen Schmerz im ersten Moment nicht zuließ. Kaum eine Stelle hatten sie ausgelassen. Das Ergebnis unzähliger Arbeitsstunden kaputt. »Denkst du, sie kommen noch einmal wieder?«, fragte Max, und seine Stimme zitterte bedenklich. »Sollen sie«, knurrte ich rachsüchtig. »Ich hoffe es! Verbrecher kommen häufig noch einmal an den Ort des Geschehens zurück. Haben wir noch das alte Jagdgewehr von deinem Vater? Bitte, hole es und schau nach, ob wir noch Munition dafür haben. Ich mache mir in der Zwischenzeit eine Kanne Kaffee, dann lege ich mich auf die Lauer.«                                                                                                                                              »Es wird bald dunkel, du wirst kaum etwas sehen«, wandte Max ein. »Ich mache alle Lichter an, drinnen und draußen, das wird reichen«, sagte ich mit einer Stimme, die hammerhart klingen sollte, und marschierte in die Küche. Max kam eine Viertelstunde später müde und niedergeschlagen hinterher. Das Gewehr stellte er vorsichtig in eine Ecke. »Weißt du noch, damals?«                                                        »Wie könnte ich das vergessen.« Ich knirschte mit den Zähnen, während ich zehn Löffel Kaffeepulver mit Schwung in den Filter beförderte. Damit hielt ich notfalls mehrere Tage durch. Ich würde jetzt nur noch Nägel mit Köpfen machen, kein Wenn und Aber mehr gelten lassen. Damit würde endgültig Schluss sein. »Sollen sie mir nur vor die Flinte kommen, einen nach dem anderen werde ich erledigen, kaltblütig, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Dann werde ich sie ausstellen, hinhängen als Warnung für die, die meinen, sie können so etwas ungestraft mit uns machen.« Unbeabsichtigt hatte ich die letzten Sätze laut vor mich hingemurmelt. »Du hast vollkommen recht.« Max nickte. »Da mache ich mit. Wir kesseln sie ein. Wenn sie noch einmal kommen, dann  kriegen wir sie. Ich hole mir gleich die alte Harpune aus dem Keller.« Tapfer schenkte er sich einen großen Becher von dem Kaffeegebräu ein. Richtig, die alte Harpune. Freunde hatten sie vor Jahren wegwerfen wollen, weil sie ihnen zu gefährlich schien. Sie hatten die Befürchtung, ihre Kinder könnten eines Tages auf die Idee kommen, damit spielen zu wollen. Max hatte sie schließlich an sich genommen. Nur so, zur Verteidigung, falls es mal nötig sein sollte. »Danke!« Ich war gerührt und froh, die Nacht nicht allein dort draußen verbringen zu müssen. Ein weiteres Erbstück kam mir in den Sinn. »Existiert eigentlich noch die Büchse deines Bruders? Für den Fall, dass die anderen Waffen längst eingerostet sind?«                                                         »Gute Idee.« Max überlegte. »Sie müsste in meinem Arbeitszimmer hinter dem Bücherregal stehen.« Eine Weile hockten wir auf den Küchenstühlen, hielten unsere Becher umklammert und waren in Gedanken versunken. Ich dachte gerade an ihr erstes Auftauchen, als Max meine Gedanken unterbrach. »Nie werde ich vergessen, was ich damals beim Anblick unseres Gartens empfunden habe. Dieses Ausmaß an Verwüstung!«                                                                                                                            »Oh ja.« Als wäre es gestern gewesen sah ich jedes einzelne Detail vor mir. Wir hatten unser neues Haus bezogen, danach wochenlang den Garten liebevoll gestaltet und bepflanzt, obwohl wir nach dem Umzug und vorher dem Tapezieren und Streichen dafür eigentlich gar keine Kraft mehr gehabt hatten. Nachdem wir fertig gewesen waren, hatten wir uns eine Woche Erholung an der See gegönnt. Obwohl es dort schön gewesen war, hatte doch die Freude über unser Häuschen und den schönen Garten überwogen. Wir waren gern zurückgefahren. Und dann das! In diesem Augenblick ertönte ein Schuss. Ich schreckte zusammen. »Max?« Er war, während ich noch meinen Gedanken nachhing, erst in sein Arbeitszimmer und anschließend nach draußen gegangen zum Rosenbeet, zu der wunderschönen, einzigartig duftenden roten Rose, die er als erste für mich zum Einzug gepflanzt hatte. Als eine von ganz wenigen stand sie noch aufrecht. Max wühlte aufgeregt mit den Händen in der Erde, als ich ihn atemlos erreichte. Die Flinte seines Bruders lag neben ihm. »Ich hab sie!«, rief er triumphierend und ließ eine ziemlich große tote Wühlmaus am Schwanz baumeln.                                                                                                 Inzwischen haben wir unseren Garten umgestaltet. Wo einmal Rasen war, befinden sich nun Kies- und Sandflächen. Darauf haben wir einige hübsche Findlinge platziert. Einer hat übrigens die Form eines Maulwurfs. Natürlich haben wir auch noch die eine oder andere Pflanze, aber nur noch im Topf oder in einer Schale. Die Kies- und Sandflächen eignen sich hervorragend, um zauberhafte Muster hineinzuharken. Wir tun das regelmäßig. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, zu meditativer Ruhe zu gelangen. Gelegentlich taucht für kurze Zeit eine Wühlmaus oder ein Maulwurf in unserem Garten auf, doch das stört uns nicht weiter. Die Tiere benutzen die vorhandenen Gänge lediglich als Abkürzung; sie gelangen dann schneller in Nachbars Garten. Dorothea Puschmann